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Martin Walsers Tagebücher 1974-1978

Wachsende Verbitterung

Also schreibt Martin Walser: „Ich schlug Günter vor, in ein Pornokino am Ku’damm zu gehen. Günter wollte nicht. Ich habe Phantasie, ich geh doch in keinen Porno.“

 

Richtig geraten. Jener Günter ist Günter Grass. Nach einem langen Diskussionstag in der Berliner Akademie der Künste mochte er sich offenbar nicht „unter Niveau“ entspannen. Oder war es die unverhoffte Gelegenheit, dem Marktkonkurrenten Walser „Phantasielosigkeit“ zu unterstellen? Egal.

 

Die läppische Episode begab sich im Mai 1976 und ist in Martin Walsers Tagebüchern verzeichnet. Er hätte die Passage, in der Grass vermeintlich „besser wegkommt“ als er selbst, gewiss nicht in den neuen Band aufnehmen müssen. Doch er hat es getan. Auch sonst ging er in den jetzt erschienenen Tagebüchern der Jahre 1974-1978 nicht gerade schonend mit sich um. Seine Wahrheit muss heraus. Mit anderen Worten: Dies ist ein notwendiges Buch.

 

Man kann hier noch einmal tief in den Kultur- und Literaturbetrieb der 70er Jahre eintauchen, als Autoren wie Grass und Walser, Max Frisch, Heinrich Böll, Uwe Johnson und Hans Magnus Enzensberger die hiesigen Debatten prägten. Als dominanter Präzeptor des Betriebs, ja als geradezu mythische Gestalt – jedoch mit manchen menschlichen Schwächen – erscheint der offenbar allzeit virile Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld, der sich außerehelich gern mit ausgesprochen jungen Gespielinnen schmückte wie nur je ein „Pate“. Auf ähnlichen Anhöhen thronte Max Frisch, den Walser als eitlen Altvorderen schildert. Und Enzensberger? War demzufolge ein Hallodri. Das durfte man erwarten.

 

Doch hier geht es weder um Tratsch noch um bloßes name dropping. Das hat Walser wahrlich nicht nötig. Er hat die meisten Kulturschaffenden (und Politiker), die er erwähnt, sehr gut gekannt und weiß Treffliches über sie mitzuteilen. Dabei werden Strukturen und Mechanismen des Betriebs bloßgelegt. So erfährt man einiges über Mauscheleien im Vorfeld wichtiger Literaturpreise, über bezeichnende Interna des Leitfossils Suhrkamp-Verlag oder über die teilweise gehässige Konkurrenz zwischen Schriftstellern.

 

Auch Walser ist natürlich nicht gänzlich frei von Anwandlungen der Missgunst. Mehrfach lässt er Futterneid just auf Grass durchblicken, der für Lesungen deutlich höhere Honorare kassierte und zudem höhere Prozentanteile an Buchverkäufen einstrich. Im Zuge der damaligen Tendenzwende (Zurückdrängung linker Positionen während des deutschen RAF-Terrorherbstes) fallen auch bissige Bemerkungen etwa über Peter Handke, der sich auf „wahre Empfindung“ kapriziert, während Walser seinerzeit immer noch im Umfeld der DKP (deren Mitglied er nie war) angesiedelt wird. Dabei ist auch er längst in andere Richtungen unterwegs.

 

Allerdings plagt sich Walser mit einer typischen 70er Jahre-Befürchtung, nämlich der, dass er als Hauseigentümer zu den verhassten Besitzenden gezählt werden könne.

 

Andererseits treiben den doch einigermaßen arrivierten Autor ständige, kleinmütig (und kleinbürgerlich) anmutende Geldsorgen um. Zitat: „Böll und Grass haben ihre enormen Geldreserven. Ich habe nichts.“ Jeder selbst bezahlte Hotelaufenthalt und erst recht ein Autokauf bereiten ihm Kopfzerbrechen. Will sich etwa jemand darüber mokieren? Wer steht schon für alle Zeit auf sicherem Grund?

 

Den bleiernen Schwerpunkt des Bandes bildet denn auch ein existenzgefährdender Vorgang, bei dem Walser übel mitgespielt worden ist, und zwar vom damaligen FAZ-Literaturchef Marcel Reich-Ranicki. Der hat am 27. März 1976 Walsers Roman „Jenseits der Liebe“ total verrissen, ja geradewegs verbal zerfetzt und dabei die literarische Eignung Walsers grundsätzlich in Zweifel gezogen.

 

Walser protokolliert in jenen Tagen, Wochen und Monaten seine nachhaltige Verbitterung. In der Rezension Reich-Ranickis glaubt er einen veritablen Vernichtungswillen zu spüren. Der Kritiker wolle ihn, Walser, „heraus haben“ aus der Literatur. Daran arbeitet sich Walser mühsam ab - zwischen Selbstzweifeln, Selbstzerfleischung und Selbstbehauptung, zwischen Rachedurst, Verfolgungswahn und aufblitzenden Selbstmordgedanken. Seine nächste Begegnung mit Reich-Ranicki stellt er sich im Tagebuch so vor: „Ich sage Ihnen also, dass ich Ihnen, wenn Sie in meine Reichweite kommen, ins Gesicht schlagen werde.“

 

Martin Walser erhielt damals etliche Solidaritätsbekundungen, so auch vom Freund Jürgen Habermas. Doch so gut wie niemand von medialem Belang wagte es, Reich-Ranicki öffentlich zu widersprechen. Besonders enttäuscht ist Walser über sozusagen schulterklopfende Großkritiker wie Joachim Kaiser („Süddeutsche Zeitung“) und Rolf Michaelis („Die Zeit“), die ihre Ablehnung in fadenscheinige Komplimente kleiden.

 

Walser kommt immer wieder auf seine notorischen Bauchschmerzen zu sprechen. Psychosomatische Symptome? Wer weiß. Jedenfalls vernimmt man einen Grundton des Verzagens, wechselnd mit  trotzigen Wallungen und nur gelegentlichem Übermut, der auf verschüttete Lebenslust schließen lässt. Erst ein mehrmonatiger Arbeitsaufenthalt in West Virginia/USA bringt Linderung durch Distanz.

 

Das Ganze ist kein geringes Lehrbeispiel für Rezensenten aller Kunstgattungen, denn hieran lässt sich ermessen, was eine rücksichtslose Kritik mit einem Autor machen kann. Sie kann ihm schlimmstenfalls an die Lebensgeister gehen. Diese Feststellung ist beileibe kein Plädoyer für lediglich ergriffen nachzeichnende „Kunstbetrachtung“, wohl aber eine Mahnung zum Anstand. Auch entschiedenste Kritik sollte ihre Grenzen kennen.

 

Das rastlose Leben auf Lesetourneen (deprimierende Hotels, Provokateure im Publikum usw.) hält nur selten Trost bereit. Walsers auffällige Marotte: Wie ein akribischer Kursbuchhalter nennt er all die An- und Abfahrtzeiten der Züge, die er benutzt. Seine nervösen Zettel-Kritzeleien, deren Faksimiles den ganzen Band durchziehen, zeugen in kryptischer Form von seelischen Aufregungen (mit einem damals entstehenden Walser-Romantitel gesagt: von „Seelenarbeit“), sie geben dem Leser zudem das Gefühl einer großen Nähe zum Entstehungsmoment der Notizen. Ein sinnreicher Kunstgriff dieser Edition, die im Anhang aufschlussreiche Erläuterungen zum zeitgeschichtlichen Kontext enthält. Der vielleicht einzige Schwachpunkt des Primärtextes sind pseudo-lyrische Einsprengsel. Walser war und ist kein Lyriker. Er hat gut daran getan, sich anders zu orientieren.

 

Zauber der Nähe in vertrauter Region, heilsame Verwurzelung: Penibel hält der in literarischer Fron weltweit gereiste Walser fest, bis zu welchem Punkt er jeweils im heimischen Bodensee hinausgeschwommen ist. Und was der zuweilen arg besorgte Vater von vier Töchtern übers Familiäre äußert, ist auch nachträglich interessant. Franziska, Johanna, Alissa und Theresia Walser haben schließlich ihre je eigenständigen Wege als Autorinnen und beim Schauspiel (Franziska) beschritten. Es gibt bewegende Stellen in diesem Buch, die besagen, dass das Wachsen und Werden der Kinder Walser mindestens ebenso wichtig ist wie die eigenen Werke. Beispielsweise diese Aufzeichnung vom 31.8.1975:

 

„Die einzige Freude, die ich hatte, sind die Kinder. Wenn es zweien von diesen vieren gut ginge, könnte ich im Anschauen dieses Gutgehens meine restliche Zeit verbringen…“

 

Martin Walser: „Leben und Schreiben. Tagebücher 1974-1978“. Rowohlt Verlag. 591 Seiten, 24,95 Euro.

 

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Eigenes Foto zeigt drei Walser-Tagebuchbände aus dem Rowohlt Verlag. Links die Aufzeichnungen 1963-1973, in der Mitte 1951-1962, rechts der jetzt erschienene Band (1974-1978).

 

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Foto in der Leiste: Detail des Lenk-Brunnens (siehe Kommentar #5) in Konstanz (Bild: Bernd Berke)

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1 Trackback

Wirklich hervorragende Seite hier zu dem Thema. Die Ausfuehrungen werden wirklich schoen umschrieben. Werde die Seite auf jeden Fall als Bookmark speichern (-: weiter

#1 von Reisen Billiger Finden am 07.04.10 um 08:10

 

13 Kommentare

Positive und negative Kritik mit Respekt und Anstand? Dies ist (wäre) gewiss begrüßenswert. Also dreimal ja!
Andererseits: Die schlimmen Verrisse RMRs haben nicht immer geschadet, sondern oft den Verkauf bestimmter Bücher (nur im Fall bereits etablierter Autoren?) geradezu angekurbelt. Wie war das seinerzeit mit Günter Grass und seinem Roman "Ein weites Feld"? Wie mit Martin Walsers "Der Tod eines Kritikers"?

#1 von Günter Landsberger am 16.03.10 um 10:00

 

RMR habe ich geschrieben? Welch eine Freudsche (?) Fehlleistung! Wo ich doch natürlich MRR (Marcel Reich-Ranicki) meinte und nicht Rainer Maria Rilke.

#2 von Günter Landsberger am 16.03.10 um 10:03

 

http://www.peter-lenk.de/html/frame.htm

ach darüber konnt er sicher lachen...;-)

#3 von tmk am 16.03.10 um 11:04

 

3:auf bodenseereiter zu überlingen klicken...()

#4 von tmk am 16.03.10 um 11:06

 

@##3&4 tmk

Peter Lenk ist rund um den Bodensee fast allgegenwärtig. Letzten Sommer war ich mal da und habe u. a. das Foto vom Konstanzer Lenk-Brunnen (sinnigerweise mit Auto-Lenker) gemacht - siehe Bildleiste.

@##1 & 2 Günter Landsberger

Walsers Tagebüchern ist zu entnehmen, dass Auflagenziffern nur ein begrenzter Trost waren, wenn es an sein Selbstbild und seine Berufsehre ging.

(verzerrtes Wort, ungelogen "mrm" - passt fast ins Bild).

#5 von Bernd Berke am 16.03.10 um 12:50

 

bb:
http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lenkbrunnen1.jpg

man kann ja nur hoffen, daß herr walser inzwischen schmunzelt ja sich vielleicht sogar geehrt fühlt und machmal beim vorbeigehen den spielenden kindern in "seinem" brunnen blinzelnd und lächelnd zusieht...

#6 von tmk am 16.03.10 um 13:18

 

na toll: ein Artikel mit ähnlichem Grundtenor findet sich im FREITAG der vorletzten Woche:

http://www.freitag.de/kultur/1009-walser-reich-schirrmacher

da war ich schon drauf und dran ... und jetzt noch jemand, der in das gleiche Horn posaunt- ok, Buch bestellt und wieder was zu lesen auf dem ach so kleinen Tischchen.

Spannende Besprechung, danke!

#7 von socursu am 16.03.10 um 18:32

 

Wozu das Buch lesen? Bernd hat doch alles Wichtige gesagt!

#8 von Matta Schmanski am 16.03.10 um 23:24

 

iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii

#9 von Matta Schimanski am 16.03.10 um 23:25

 

Naja, Scherz mal kurz beiseite. Der Beitrag ist ja schon relativ lang geraten. Aber 591 Seiten sind 591 Seiten. Und die fasst man nicht mal eben so zusammen.

Ein Kapitel für sich wäre z. B. ein von Walser geschilderter Empfang beim damaligen Bundespräsidenten Scheel wert, bei dem auch die Herren Kiesinger und Schleyer zugegen waren.

#10 von Bernd Berke am 16.03.10 um 23:57

 

Ich wollte gar nicht die Länge deines Beitrages bekritteln, nur darauf "hinweisen", dass er sehr informativ ist. Er macht auch Lust zu lesen.

Das war wohl wieder einer meiner berühmt-berüchtigten Ofenschuss-Scherze. 'tschuldigung.

#11 von Matta Schimanski am 17.03.10 um 13:52

 

@#11
Keine Ursache. Habe da nix in den falschen Hals gekriegt.

#12 von Bernd Berke am 17.03.10 um 19:38

 

Heute als Beilage der Wochenzeitung DIE ZEIT ist auch einiges über Walsers Tagebücher zu lesen. Und noch mehr: Im gesamten Heft werden recht verschiedene Gegenwartsschriftsteller... und ihr jeweiliges Tagebuch ganz aktuell thematisiert.

#13 von Günter Landsberger am 18.03.10 um 12:18

 

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