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Münsteraner Zwischenbilanz: Ein Jahr nach dem Kölner Archiveinsturz

Retten, was zu retten ist

Heute vor genau einem Jahr ist das Kölner Stadtarchiv in der Severinstraße eingestürzt. Historische Schätze sind in Wasser und Bauschutt versunken. Zwei Menschen starben bei dem unfassbaren Unglück. Überdies war es eine kulturelle Katastrophe von europäischer Bedeutung, denn es handelt(e) sich um das größte Kommunalarchiv nördlich der Alpen.

 

Um die Schuldfrage wird noch juristisch gestritten. Grandiose Schlamperei beim U-Bahn-Bau scheint das Mindeste zu sein, was man hier konstatieren muss. Durchaus denkbar, wenn nicht höchst wahrscheinlich, dass noch weitaus Schlimmeres herauskommt. Man wird sehen. Und hoffentlich die richtigen Konsequenzen ziehen.

 

Was aber ist seit März 2009 geschehen, um trotz allem möglichst viele Archivgüter zu retten? Einiges. Doch im Grunde noch viel zu wenig. 6300 Personenjahre, so schätzt man grob, sind für die Restaurierung erforderlich. Das hieße theoretisch: Ein Restaurator müsste sich 6300 Jahre lang eingehend kümmern - oder 6300 Experten wären ein Jahr lang beschäftigt. Beides ist natürlich in jeder Hinsicht unmöglich.

 

Dass immerhin 85 Prozent aller Kölner Archivbestände "geborgen" werden konnten, heißt noch gar nichts. Denn damit ist noch nichts über den vielfach kläglichen Zustand von Zeitdokumenten aus allen Epochen seit dem Jahr 922 gesagt. 50 Prozent aller Akten sind mittelschwer, weitere 30 Prozent sogar schwerstens in Mitleidenschaft gezogen. Wo soll man da anfangen?

 

Jetzt gab der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) in Münster einen kleinen Einblick in seinen Anteil an den Rettungsversuchen. Das unter LWL-Regie arbeitende Westfälische Archivamt ist eines von bundesweit 19 "Asyl-Archiven", in denen man den Kölner Kollegen bereitwillig hilft.

 

Sprödes Zahlenwerk: Etwa 26 Tonnen Archivgut in 109 Gitterboxen (ca. 500 laufende Regalmeter von insgesamt 30 Kilometern) aus Köln befinden sich vorübergehend in Münsteraner Obhut. Westfälische Projekte wurden vertragt, um den Rheinländern kollegial beizuspringen. Dafür hat sich die LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Thale eingesetzt.

 

Zunächst wurden die teilweise immens ramponierten, vorerst nur notdürftig gereinigten Bestände von einer Spezialfirma in Everswinkel (Münsterland) schockgefroren, um den fortschreitenden Verfall zu stoppen. In diesem Zustand kamen sie ins Archivamt, wo sie wiederum gefriergetrocknet werden - ähnlich wie etwa Gemüse oder Instant-Kaffee. Im zusätzlich erzeugten Vakuum wird das Eis gasförmig und kann abgesaugt werden. Auf diese Weise wird Feuchtigkeit entzogen, die vor allem historischen Papieren arg zugesetzt hat.

 

Erst nach der Gefriertrockung kann nach und nach die mühselige Reinigung beginnen. Dabei müsse die Mitarbeiter vor dem Schimmel geschützt werden müssen, der sich in etlichen Dokumenten festgesetzt hat. Eine heikle Angelegenheit, für die man teure Geräte braucht.

 

Chefrestauratorin Birgit Geller führt vor, wie sie mit der Bürste eine Zeitschrift von 1960 ("Frankfurter Illustrierte") behutsam von aggressiv alkalischem Staub befreit. Ist diese Zeitschrift denn sonderlich wichtig? Nun, sie könnte zum in Köln verwahrten Nachlass von Heinrich Böll gehören...

 

Weiteres unscheinbares Beispiel: Ein schadhaftes, allseits eingerissenes Foto zeigt den damaligen Bundespräsidenten Walter Scheel beim Bonner Presseball 1975. Wie viele weitere Abzüge gibt es davon? Befinden sich irgendwo noch Negative? Oder ist es mittlerweile ein unersetzliches Unikat?

  

Erst wenn nun die Kölner Archivare ausschwärmen und ihre Bestandslisten mit den Asyl-Inhalten vergleichen, dürften sich solche Fragen klären. Dann sollen endlich auch detaillierte Prioritäten gelten: Was muss zuerst ganz dringlich gerettet werden, was kann warten?

 

Allein die vollständige Erfassung dürfte noch rund drei bis fünf Jahre dauern. Ganz gleich, ob man jetzt per Zufalls-Stichprobe mittelalterliche Handschriften, historische Bücher, Akten oder eben Fotos in Augenschein nimmt: Es möchte einem schier das Herz bluten. Man vermag sich als Laie kaum vorzustellen, dass und wie all diese Zeitzeugenschaft in einen gebrauchsfähigen Zustand zurückversetzt werden kann. Von einer Herkules-Aufgabe zu reden, scheint fast noch untertrieben.

 

Mit archivarischem Galgenhumor spricht man mittlerweile von "Kölnisch Wasser", wenn's um die Nässe geht, und von "Köl(l)n-Flocken", wenn man zerfetztes Papier beschreiben will. Zahlreiche Schriftstücke müssten wie ein Puzzle wieder zusammengesetzt werden. Eine Aufgabe für Generationen. Geschätzte Gesamtkosten: eine halben Milliarde (!) Euro.

 

LWL-Archivamtsleiter Marcus Stumpf will und darf sich nicht damit trösten, dass seit dem Kölner Unglück Archive generell mehr ins öffentliche Bewusstsein gerückt sind. Doch man könnte sich die Aufmerksamkeit zunutze machen und stärker auf Prävention setzen. Stumpf: "Anforderungen an sachgerechte Archivgebäude dürfen nicht dem Rotstift zum Opfer fallen." Für etwaige künftige Unglücksfälle wünscht er sich ein Netz aus archivarischen "Notfall-Verbünden", das nicht nur in NRW geknüpft werden soll.

 

Regelmäßige Fortbildung kann bei all dem nicht schaden: Damit nicht - wie früher zuweilen geschehen - ahnungslose Archivkräfte bei Feuchtigkeitsschäden den Fön anwerfen oder das durchnässte Archivgut zum Trocknen auf sonnigen Wiesen ausbreiten...

 

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Bild oben und 1. Bild in der Leiste zeigen beschädigtes Kölner Archivgut in Münster, auf dem 2. Bild in der Leiste sind zu sehen (von links): LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Thale, LWL-Archivamtsleiter Marcus Stumpf und Chefrestauratorin Birgit Geller.

 

(Foto: Bernd Berke)

 

 
 
 

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