
Jetzt mal ganz abgesehen von bildsprachlichen Entwicklungen: Beim Anschauen älterer Filme kann man den Tonspuren knarzend historisch gewordene Sprachzustände ablauschen.
Man muss gar nicht so übermäßig weit zurückgehen. Es reicht eine Zeitreise bis etwa zur Mitte der 60er Jahre. Wenn man Filmfiguren aus jener Zeit sprechen hört, fühlt man sich in eine gänzlich andere Ära versetzt – uns beinahe schon so fremd geworden wie etwa Barock oder Goethezeit.
Nun gut, wir wollen nicht maßlos übertreiben. Aber reichlich morsch klingt es schon. Erst recht, wenn man sich bis in die 50er Jahre hangelt. Bereits im bloßen Tonfall zitterte damals noch etwas metallisch vom Weltkrieg nach, man kennt das bebende Pathos vor allem aus unverhohlen martialischen Sportreportagen oder Wochenschauen der Fünfziger.
Doch die Sprache bewegte sich seinerzeit auch noch näher am klassisch überlieferten Erbe. Freilich war all das zertrümmert worden. Jeder unreflektierte Rückgriff stand mindestens unter dem Verdacht der Verlogenheit. Hat man jedenfalls später gemeint. Nur wenige Zeitgenossen haben die schreienden Widersprüche wahrhaben wollen.
Wer die Zeit vor 1968 (das auch in dieser Hinsicht eine Wende markierte) selbst nicht erlebt hat, versteht vielfach überhaupt nicht mehr, wovon die Rede ist. Andererseits lässt sich hie und da Retro-Kultstoff gewinnen. Dass ein Wort wie „krass“ vorübergehend eine zweite Karriere erlebt hat, mag von derlei ungeahnten Durchlässen zeugen. Da ist etwas wie durch ein Zeitloch von vorgestern ins Heute gesickert, und niemand vermochte genau zu sagen, auf welche Weise das geschehen konnte.
Anhand zweier Produktionen, die kürzlich im Fernsehen liefen, nenne ich stichprobenhalber einige wenige Beispiele. Reiner Programmzufall: Es handelt sind um einen Krimi aus der Reihe „Stahlnetz“ („Der fünfte Mann“, 1966) und um den bis heute sehenswerten Kino-Klassiker „An einem Tag wie jeder andere“ (1955) mit Humphrey Bogart, dessen deutsche Synchronisation von der legendären Firma Wenzel Lüdecke (Berlin) besorgt wurde. Es gibt nicht nur mehrere Überschneidungen im Vokabular, sondern der ganze Sound schwingt über diese elf Jahre hinweg noch annähernd im gleichen Zeitgeist, zumal das Wortfeld „Verbrechen / Polizei“ in beiden Fällen die Richtung vorgibt.
Here we go (oder: auf geht’s):
„Stahlnetz“:
„lichtscheues Gesindel“
„Vögel, die Dreck an den Federn haben“ (Verbrecher)
„Knastologe“
„Knastbruder“
„Schießeisen“
Jemand hat eine „feste Dame“
„hundert Piepen“
„Polente“
„Schmiere“ (ebenfalls für Polizei)
„Puppe“ (für Hure)
„Hände hoch – oder es knallt“
„Holzauge, sei wachsam“
„Sei kein Frosch“
„Kohldampf“
„Der Vogel ist ausgeflogen“ (flüchtiger Delinquent)
„Der Vogel singt“ (verrät der Polizei etwas)
„Backfisch“
„An einem Tag wie jeder andere“:
„Hab’ Kohldampf“
„Kies“ (für Geld)
„Goldstück“ (für Geliebte)
„kesse Puppe“
„Schießeisen“
„…kriegt der Bengel einen verpasst“
„verduften“
„Gnädigste“
„Maul halten“ / „Halt’s Maul“ / „Halt den Rand“
„…sind die Vögel ausgeflogen“
„krumme Tour“
„Rück den Zaster raus“
„Polente“
Seltsam, ja überaus merkwürdig klingt das auch für Menschen, die jene Jahre noch halbwegs bewusst erlebt haben. Durch eine solch sumpfige Sprachtunke ist man also anfangs auch einmal gewatet, hat ansatzweise so ähnlich gesprochen, wahrscheinlich dementsprechend gefühlt und gedacht. Welch eine Strecke seitdem!
Jedoch: Vielleicht verhält es sich hinterrücks so, dass manches, was damals anklang, heute insgeheim als Wegzehrung und als Maßstab einer mitunter heilsamen Differenz zu heutiger Sprachschluderei dient. Wenn man solch verschiedene Zustände der wechselhaften eigenen Sprache erfahren hat, versteht man sie wohl tiefer und besser. Auch von Vergänglichkeit weiß man dann mehr.
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Dynamische Illustration stammt aus den 1950er Jahren

21 Kommentare
Fragen Sie Ihre Gäste daheim: Möchtest Du einen Drink?
So heißt es im Film und nur da. Kein Mensch fragt: Möchtest Du einen Drink!
Man fragt doch höchsten: ´n Bier?
#1 von Ludger Heitmann am 23.01.10 um 16:25
@1 Oan Weisse moag i!
Hoast mi Fröschl?
#2 von Wanninger am 23.01.10 um 21:51
#1 da ich meist nur Tee trinke (oder Rotwein, oder Raki oder Auchentoshan oder alles was betäubt), ist die Frage denn doch eher. "Was möchtet Ihr trinken?"
Schön finde ich daran, dass die Frage ja nur eine Option darstellt- wie die Antwort auch sei, so muss da und dort doch der Kamillentee Genüge tun *g*
Und nun zum Thema:
Ich glaube, dass gerade dies Waten in der alten Soße heute zumindest ein Pausenbrot in immer neuen Schulen ist:
schon im LK E hat es nir nicht zum Nachteil gereicht, vergleichbar konservativ sich ausdrückende Autoren wie Sayers, Maugham oder Tolkien zu verschlingen und verstehen- etwas weglassen, verändern, modernisieren: all das geht nur, wenn die Basis steht.
#3 von socursu am 23.01.10 um 22:17
Mir fallen gerade noch zwei Beispiele für hoffnungslose gestriges Wortgut ein: Niemand sagt mehr "mit Karacho" oder "picobello".
#4 von Bernd Berke am 28.01.10 um 14:38
"Fein" steht auch auf der Liste der Worte, die nicht mehr oft verwendet werden.
@Bernd Berke: Es stimmt, alte Filme haben einen völlig anderen Ton. Was mir aber immer wieder auffällt sind die "langsamen" Schnitte.
#5 von Miriam Lessmann am 28.01.10 um 15:55
Was haben wir früher La paloma gepfiffen.
#6 von Olram X am 28.01.10 um 16:04
@#4:
Doch - ich!
@#5:
Aber "fein" erlebt doch seit einiger Zeit eine Renaissance! Wenn man allerhöchstes Lob spenden will, sagt man:"Das ist fein!" Dies wiederum will mir nicht so recht über die Lippen.
@6:
Meine Mutti (nicht Mama!) sagte immer: "Gott sei's gelobt, getrommelt und gepfiffen!", wenn sie großer Freude oder Erleichterung Ausdruck verleihen wollte.
@Beitrag:
Nicht aus den 50ern oder 60ern, sondern aus den 70ern ist mir der Begriff "dufte" (Ruhrgebietsversion: "töfte") (für "fein") im Gedächtnis. Wie die Teenies von damals (also auch ich) dazu kamen, diesen alt-Berliner Ausdruck zu reanimieren, ist mir schleierhaft.
#7 von Matta Schimanski am 28.01.10 um 19:26
@#7
Bei "dufte" fallen mir noch "schnafte" und "knorke" ein.
Und als die Beatles um 1962 aufkamen, hieß eine angesagte Redewendung "Die Zentralschaffe (aus Liverpool)"...
@#5
Seltsam: Mir geht's geradewegs umgekehrt. Mir fallen auf (und missfallen häufig) die irrsinnig schnellen Schnitte der Jetztzeit. Es fehlt in alledem die Geduld. Es fehlt das heilsame Zuwarten.
So, nun nennt mich meinethalben altmodisch.
#8 von Bernd Berke am 28.01.10 um 20:43
Ein Wortfeld, das einen besonders gründlichen Wandel hinter sich hat, könnte als (gestrige) Überschrift "Missetäter" tragen. Als da (vor langer Zeit gewesen) wären: die heute so putzig klingenden "Bösewicht", "Tunichtgut", "Strauchdieb", "Tagedieb", "Schuft", "Unhold" oder Strolch"...
#9 von Bernd Berke am 28.01.10 um 20:48
#9 Die Söhne no. 1 und 2 erhielten des öfteren den von mir verliehenen Titel "xy, Du alter Hühnerdieb!"
ergänze: Mordbube, (war der Halunke schon?) und "Lorbaß" bekam ich selbst angelegentlich von Oma 1 zu hören: ein Hoch auf Keenichsbarch!
#10 von socursu am 28.01.10 um 21:32
Den "Lorbaß" kenn ich wohl. Er bringt mich auf den "Lorenz" der da oben für uns alle scheinen tut, nicht wahr?
#11 von Olram X am 28.01.10 um 22:04
@#11
Das wiederum erinnert mich an einen Typen, der Lorenz hieß und (Witz, komm 'raus) von allen "Rolenz" genannt wurde.
(...und so gibt ein Wort das andere).
#12 von Bernd Berke am 28.01.10 um 22:23
Die Kinder gehen heutzutage mit einer "Tonne" zur Schule. Was für ein bescheuertes Wort für den guten alten Tornister!
#13 von Matta Schimanski am 28.01.10 um 22:36
Hm, mein Ranzen hieß auch schon Tonne.
#14 von Olram X am 28.01.10 um 22:47
@#14 Wohl ein Jungspund, wie?
#15 von Bernd Berke am 29.01.10 um 00:07
#13 Matta Schimanski
In Österreich hieß das 1949 Schultasche, auf dem Rücken getragen in Deutschland (Essen) hieß dies 1952 dann plötzlich Tornister. Klang in meinen Ohren recht militärisch.
#16 von Günter Landsberger am 29.01.10 um 00:17
Tonne und Gammel. Genau, das Fahrrad hieß Gammel. Die Tonne pfefferte man in die Ecke, und das Gammeln ließ man einfach auf dem Bürgersteig fallen. "Die einfachste Sache von der Welt."
#17 von Olram X am 29.01.10 um 00:47
Und wie oft wurde nicht in der Freizeit "gedötscht" und "gefummelt"?
#18 von Günter Landsberger am 29.01.10 um 11:49
In verschiedenen Beiträgen, werden wir uns nunmehr verabschieden, da die acht Wochen (erstmaliger Beitrag am 09.12.2009), die wir uns regelmäßig beteiligen bzw. die Beiträge und Kommentare verfolgen, vergangen sind.
Auch hier daher, abschließend, wie in allen anderen Foren bisher auch, ein paar kurze, teils vergleichende, Ergebnisse:
- Westropolis erfreut sich einer, alles in allem, recht regen Teilnahme der Kommentatoren.
- Es gibt einen breit gefächerten Kommentatorenkreis, der sich in Teilen häufig auf dieselben Autoren beschränkt (ein häufiges Bild auch in anderen, bisher untersuchten, Foren)
- Sowohl Beiträge als auch Kommentare entsprechen einem oftmals höheren Niveau als anderweitig
- Sämtliche Beiträge orientieren sich, mal enger mal weiter gefasst, an der geforderten Kultur
- Trolle, die einzelne Autoren immer wieder angreifen, beschränken sich zumeist auf eben deren Beiträge (ein häufiges Bild auch in anderen, bisher untersuchten, Foren)
- Neukommentatoren haben es erstaunlich schwer (selten in anderen, bisher untersuchten, Foren). Vielmehr werden unter diversen Nik-Names nahezu ständig gleiche Kommentatoren bzw. die Autoren selbst, oder ehemalige Autoren und Kommentatoren vermutet – so auch bei uns - (ganz selten in anderen, bisher untersuchten, Foren), was allein schriftlich linguistisch zumeist nahezu sicher ausgeschlossen werden kann.
- Neid und Missgunst scheint ein vielfaches Übel im Trollanerkreis zu sein (häufig in anderen, bisher untersuchten, Foren)
- Trolle sind in der Lage, einen Thread in seiner Entwicklung von Anfang an nahezu zu zerstören bzw. nach kurzer Zeit vom eigentlich Thema abzulenken, dann aber, häufig durch widersinnige und beleidigende Beiträge, eine hohe Kommentarzahl herauf zu beschwören (hier häufiger als in anderen Foren)
- Es gibt feste Leserstämme, die mitunter selten kommentieren, aber stets über alle Berichte informiert sind, wie aus ihren wenigen Kommentaren deutlich wird
Diese Einzelheiten sollten als Erkenntnisse für die Leser und Autoren reichen. Westropolis ist nach unserem dafürhalten eine sehr gute Bereicherung in der internet medialen Welt.
Auch wenn man uns oftmals für andere Personen hält, so gibt es uns nach wie vor tatsächlich.
Mit geschriebenen Worten beteiligten sich hier: W, k, T, F und S von „8 Freunde“. Daneben wirkten anderweitig a, c und Z von „8 Freunde“ mit.
Wir bedanken uns für jegliche Kommentare, die sich auf uns bezogen haben und verabschieden uns hiermit, werden auch auf etwaige Stellungnahmen nicht mehr reagieren.
#19 von 8 Freunde am 01.02.10 um 10:26
at 19: na, dann trollt euch
#20 von Troll-Kontrolle am 02.02.10 um 16:37
Mächtig ruhig geworden, seitdem sie weg sind...
#21 von Troll-Kontrolle-Kontrollöre am 04.02.10 um 12:00