Vor einiger Zeit bekam ich eine Anfrage, ob ich eine Rede zur Eröffnung eines islamischen Grabfeldes auf einem deutschen Friedhof halten könne. Ich erschrak, denn ich denke nicht sehr oft über den Tod nach.
Meine Eltern würden es niemals zugeben, aber im Grunde ist ihr Heimatland im Laufe der Jahre zu ihrem Urlaubsland geworden. Die Tatsache, dass mein Vater lange schon in Rente ist und dass er und seine Ehefrau in Deutschland mehrfache Großeltern sind, ändert jedoch nichts daran, dass er jedes Jahr ankündigt, im nächsten Jahr werde er für immer in die Türkei zurückkehren. Wenn ich ihn darauf aufmerksam mache, dass er das schon erzählt, seit ich denken könne, wird er böse und sagt: Deine Mutter und ich wissen, wo wir beerdigt werden wollen, unsere Heimat tragen wir hier, und klopft sich auf sein Herz.
Ich dachte über seinen Satz nach, und es überkam mich eine tiefe Traurigkeit. Ich dachte an die Zeit, in der meine Eltern nicht mehr da sein würden. Ich, Tochter von türkischen Gastarbeitern, werde meine Eltern in zweifacher Weise vermissen: Sie werden nicht mehr leben - und ihre Gräber werden über 3000 Kilometer von meinem Heimatland entfernt sein. Ich werde sie nur besuchen können, wenn ich nach Akpinar Köyü fahre. Dort, in ihrem anatolischen Dorf ist der Friedhof, auf dem meine Eltern einmal begraben werden möchten.
Niemals würde ich mich trauen, meinen Eltern zu sagen, dass es mir viel bedeuten würde, wenn sie in meiner Nähe blieben. Aber sie davon zu überzeugen wird unmöglich sein. Sie möchten neben ihren Eltern – meinen Großeltern - in Akpinar Köyü begraben werden. Dort, sagen sie, kommen sie her, dort, sagen sie, wollen sie sterben und begraben werden.
Wo ich einmal beerdigt werden möchte, steht für mich schon fest – in Deutschland. Ich möchte dort bleiben, wo meine Kinder sind. Deutschland ist längst zu meiner Heimat geworden. Ich wünsche mir, dass meine Kinder und Enkelkinder immer dann zu meinem Grab kommen können, wenn sie Sehnsucht nach mir haben. Sie sollen die Möglichkeit haben, es jederzeit zu tun - ohne sich vorher ein teures Flugticket kaufen zu müssen und ohne eine 3000 Kilometer lange Reise auf sich zu nehmen.
Sich in Deutschland bestatten zu lassen, bedeutet nicht, seine Identität aufzugeben. Wenn ich sage, dass ich hier bleiben möchte, heißt es nicht, dass ich die Türkei nicht mag. Aber in Deutschland bestattet zu werden, bedeutet für mich auch, dass Integration funktioniert hat.
9 Kommentare
Sehr berührend!
#1 von Nicole am 08.02.10 um 16:15
Wunderbar!
#2 von Nicole aus Hamburg am 08.02.10 um 19:54
Ihr Beitrag hat mich auch gerührt. Die Schlussfolgerung, die Sie ganz am Ende ziehen, verstehe ich allerdings nicht.
"In Deutschland bestattet zu werden, bedeutet für mich auch, dass Integration funktioniert hat."
Eine erfolgreiche Integration wird also sozusagen in einem deutschen Grab "vollendet"? Man kann doch prima integriert hier leben und sich trotzdem anderswo begraben lassen.
Woher kommt diese Anpassungswut? Der gesellschaftliche Druck mag ja sehr groß sein, allerdings liegt es ja an einem selbst, inwieweit man dem nachgibt.
#3 von Ariadne am 09.02.10 um 16:25
#3 von Ariadne
Wenngleich der Satz auch- ganz individuell- etwas Raum für Interpretationen lässt, die Botschaft scheint für mich klar.
Weiter oben schreibt sie ja:
"... Ich möchte dort bleiben, wo meine Kinder sind. ... Ich wünsche mir, dass meine Kinder und Enkelkinder immer dann zu meinem Grab kommen können,... und ohne eine 3000 Kilometer lange Reise auf sich zu nehmen. ..."
Mir persönlich ist es herzlich gleich wo ich mal beerdigt werde.
Zumindest derzeit, mag ja sein dass man später im Alter anders darüber denkt.
#4 von POET am 09.02.10 um 23:00
Das ist doch ein sehr schöner erster Entwurf für die Rede. Übrigens weiß ich auch schon genau, wo ich beerdigt werden möchte...in meinem Geburtsort oder in der Nähe. Warum? Da sind die Friedhöfe nicht von Mauern umschlossen, sondern von schmiedeeisernen Gittern (das in meinem Geburtsort hat sogar noch mein Großvater geschmiedet). Die Friedhöfe liegen meistens auf Hügeln außerhalb des Dorfs und sind hell und sonnig. Tja, ich bin in Bayern wohl doch nicht so ganz integriert;-)
#5 von Celestina am 10.02.10 um 17:38
kein begangener Weg
kennt ihn wieder
denn sein Fußabdruck hat
kaum Konturen
Strophe aus dem posthum herausgegebenen Gedichtband Jürgen Dziuks (26.09.1960 - 26.09.2004): "was bleibt ist Ferne", Weilerswist 2007, S.75
#6 von Günter Landsberger am 11.02.10 um 11:27
Bei meinen vier lieben Toten, die an zwei verschiedenen Orten liegen, die einen beiden 10 Autostunden, die anderen 10 Autominuten von uns und meinem seit langem jetzigen Zuhause entfernt, ist es allerdings ganz anders als in den unter #6 zitierten Versen Jürgen Dziuks: sie sind mir immer noch und stets lebendig nahe, wo und seit wie lange auch immer sie schon begraben sein mögen.
#7 von Günter Landsberger am 11.02.10 um 11:39
#7
Gut, dass es bei Ihnen anders ist.
#6
Wie heißt das Gedicht? Vielleicht Tod eines Heimatlosen? Erschütternd.
#8 von Ariadne am 11.02.10 um 11:54
#8 Ariadne
(Ich weiß dieses Glück auch zu schätzen, zumal alle 75 bis 85 Jahre alt geworden sind.)
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Die zitierte Strophe ist die zweite des dreistrophigen Gedichtes "der singende Faun". Im Kontext des Ganzen verändert diese Mittelstrophe allerdings ein wenig ihren Charakter.
#9 von Günter Landsberger am 11.02.10 um 15:25